Archiv für 12. Januar 2009

In der Weihnachtsbäckerei

Ach nein, die Zeit ist ja vorbei. Also berichte ich heute mal aus einem Emergency Room, den ich berufsbedingt kürzlich ein paar Stunden besuchen durfte. Und während ich dort so herumsaß (und natürlich arbeitete), konnte ich mir einen kleinen Blick rechts und links nicht verkneifen.

Da waren zum Beispiel die Geschwister Fürchterlich zwei ältere Herren, die versuchten, sich beide als Notfallpatienten zu deklarieren, weil einer von ihnen am Vortag vermeintlich eine falsche Tablette geschluckt hatte, bislang jedoch immer noch symptomlos war. In der Notaufnahme, wie gesagt. Und warum der andere Teil dieses illustren Altgeschwisterduos auch als Patient durchgehen wollte, ist mir bis heute nicht klar.

Dann kam ein junger Mann, höchstens 20, privat versichert, der sich trotz einer nicht existierenden Spezialfachabteilung in just genau der Spezialfachabteilung vorstellen wollte. Weil er wahrscheinlich ein spezielles, schlüpfriges Spezialfachabteilungsproblem hatte. Das hat er aber, zu meinem Leidwesen, nicht  und sich dann stattdessen nach einiger Diskussion angewidert abgewandt. Aber wenn man privat versichert ist, dann könnte ein Klinikum doch auch mal eben just diese Spezialabteilung ins Leben rufen. Oder, Bibi Blocksberg, das geht doch?

Als nächstes erschien ein älterer Herr, dem eine Parhausschranke auf den Kopp geknallt war. (Zur richtigen Zeit am richtigen Ort). Mit der stark blutenden Kopfplatzwunde hatte er sich zuvor jedoch noch ins Cafe begeben, um seine Frau dort zu parken. Ob der Blutmengen konnte man diese Distanz mit der Hänsel- und Gretel-Methode inklusive Taumeln beim Gehen sehr gut rückverfolgen.

Dann wurde ein Chirurg am Telefon verlangt. Von einem Patienten, der ein paar Stunden zuvor mit einer alten(!)  Brandwunde vorstellig war. Diese wurde fachgerecht versorgt und anschließend der Hinweis erteilt, in drei Tagen zum Hausarzt zu gehen, um einen Verbandswechsel vornehmen zu lassen. Eben dieser Herr war jedoch von so starker Ungeduld geplagt, dass er verlangte, dass der Chirurg jetzt sofort bei ihm zuhause erscheinen möge, um noch einmal eine Wundkontrolle vorzunehmen.

Zwischendurch rauscht der Rettungsdienst herein. Auf der Trage ein sich windender, stadtbekannter Obdachloser, der mal wieder zu tief ins Glas geschaut und sich bei dem Versuch, ein Vordach zu erklimmen, ebenfalls eine Kopfplatzwunde zugezogen hat. Ein Paar Handschuhe für alle und los gehts. Lautes Krakeelen auch noch am Ende des langen Flures. Vier Leute alleine zum Festhalten.

So gings munter weiter. Bagatellen gepaart mit echten optischen oder akustischen Leckerbissen. Meine Hochachtung vor der Ruhe, die dort alle noch ausstrahlen.

[Vielleicht sollte ich noch einen Notaufnahmeblog starten.]


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