Archiv für 10. April 2008
Geschützt: Mit 15 (IV)
Veröffentlicht 10. April 2008 Nicht kategorisiert Geben Sie Ihr Passwort ein, um Kommentare lesen zu können.Bin ich dann ein Stückchen weiter gegangen, treffe ich stets auf eine etwa Achtjährige. Eine etwa Achtjährige, die anscheinend sehr große Wachstumssprünge macht, denn immer trägt sie Hosen, die mindestens zehn Zentimeter zu kurz sind. Sie sieht aber in keiner Weise ungepflegt oder verwahrlost aus und wohnt, darüber hinaus, in einem der nobelsten Viertel des Dorfes.
Eine etwa Achtjährige, die morgens um kurz nach sieben jedoch so dermaßen verpennt durch die Gegend torkelt, dass ich sofortiges Mitleid plus Gänsehaut spüre, sobald ich sie sehe. Ein bisschen wie ein aus dem Winterschlaf geprügeltes Murmeltier.
Eine etwa Achtjährige, die ja wohl kaum am Aband vorher mal ordentlich gesoffen hat. Die ja wohl kaum die ganze Nacht gearbeitet hat. Die ja wohl kaum den ganzen Winter über eine Augenkrankheit mit hohem Verquollenheitsgrad hat.
Wahrscheinlich ist das einfach nicht ihre Zeit. Wahrscheinlich braucht Mutti morgens erstmal eine halbe Stunde, um sie überhaupt zum Leben zu erwecken. Und dann bleiben noch drei Minuten zum Waschen, Anziehen und Frühstücken.
Wahrscheinlich wird die etwa Achtjährige später Ärztin in einem Schlaflabor. Oder Nachtschwester. Oder Freiberuflerin.
Jeden Morgen mache ich mich auf, um meine Arbeitsstelle aufzusuchen.
Seit einiger Zeit begleitet mich auf meinem Weg, bis es wegen unterschiedlicher Laufgeschwindigkeiten zu einem Überholvorgang kommt, eine höchst unvorteilhaft gekleidete junge Dame. Geschätzte 16 Jahre alt. Ihr Ziel: Wahrscheinlich die Schule.
Ich habe den leisen Eindruck, dass die junge Dame sehr, sehr gerne Nahrungsmittel zu sich nimmt, vorzugsweise diejenigen mit hohem Fett- und Zuckeranteil. Dies bestätigt sich bei näherem Hinsehen auf deutliche Weise, denn bereits direkt nach Verlassen der elterlichen Wohnung wird die Schlickertüte gezückt und morgens um kurz nach sieben werden gierig farbenfrohe Zuckerschaumschlangen vertilgt.
Ich muss zusehen, dass ich nicht würge. Das ist aber noch nicht wirklich schlimm. Wirklich schlimm sind zwei Dinge: Die Stretch-Röhrenjeans im Hipsterstyle, die gerade mal so das ordentlich ausgebildete Maurerdekollete überdeckt und in Richtung Fesseln besonders eng dem Bein anliegt. Und das an den Füßen befindliche Schuhwerk.
Mir ist diese Sohlenvariante der Stiefeletten als „Pfennigabsatz“ bekannt, heute sagt man auch High Heels dazu.
Das arme Mädel stakst also, laut und durch die ganze Straße hörbar, mit diesen gruseligen Absätzen durch die Gegend. Möglicherweise sind unter den Sohlen auch noch Stepptanzplatten appliziert, das weiss man aber nicht genau. Je näher ich mich anpirsche, desto lauter und quälender werden die Mahlgeräusche, die die feinen Sandpartikelchen, die sich unter dem Absatz befinden, beim Gehen verursachen.
Aber als Gehen kann das eigentlich gar nicht bezeichnet werden. Es ist eher ein Staksen. [Eingeweihte erinnern sich vielleicht an dieser Stelle an meine bereits mehrere Jahre zurückliegende Parodie einer ungeübten High-Heels-Trägerin.]
Und genau so siehts auch aus: Wie der Storch im Salat. Aber ein dicker Storch. Ein Adipositas-permagna-Storch.
Gut, dass jene junge Dame immer brav ihren Kopfhörer trägt. Dann klingt das Kauen nicht so gierig, sie hört die Straßenmahlgeräusche ihrer stylishen Klackerschlappen nicht und sie hört auch nicht mein Kichern, das ich ihr jeden Morgen schenke.
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